Ein Theater ohne seine roten Sessel
In Bocholt fehlen dem Theater 600 rote Polstersessel. Was bleibt, ist die Frage nach dem Verlust und die Strafanzeige. Ein Blick auf die Absurdität des Theaters.
Es gibt Momente im Leben eines Theaters, die wie zufällige, aber schmerzhafte Stiche im Herzen wirken. Neulich las ich von einem Vorfall im Stadttheater Bocholt, das um seine 600 roten Polstersessel trauert. Die Sessel, die einst im rechten Winkel zur Bühne standen, haben beschlossen, sich zur Flucht zu entschließen. Vielleicht dachten sie, es wäre an der Zeit, dem unaufhörlichen Geplätscher der Kulturprojekte zu entkommen.
Die Vorstellung, dass Sessel vermisst werden, erinnert mich an die Absurditäten des Theaterlebens. In welcher anderen Welt könnte solch ein Verlust so viel Aufregung auslösen? Man könnte denken, die Sessel sind ein Stück der Seele des Theaters – ihr Fehlen ist wie das Verschwinden der Kulisse in einer Tragödie. Diese Polstersessel, mit ihrem leuchtend roten Stoff und den Erinnerungen an unzählige Aufführungen, scheinen mehr als nur Möbel zu sein. Sie sind Zeugen eines inneren Lebens, das viele nicht einmal im Ansatz verstehen können.
Die Verantwortlichen des Theaters haben bereits rechtliche Schritte eingeleitet und Anzeige erstattet. Ein sinnvoller Schritt in einer Zeit, in der das Theater, so scheint es, zunehmend mit den Tücken des Alltags konfrontiert wird. Wo ist der Unterschied zwischen Kunst und Realität, wenn sogar die Sessel der Protagonisten verloren gehen? In dieser Situation könnte man schmunzeln, würde sich nicht leise die Frage aufdrängen: Wie konnte es zu diesem Verlust kommen? Sind die Sessel nicht mehr sicher? Vielleicht sollten sie sich ein Beispiel an ihren menschlichen Kollegen nehmen und sich besser verstecken, wenn das Licht von der Bühne erlischt.
Aber die Sache hat auch einen komischen Beigeschmack. Stellen Sie sich vor, die Sessel sind geflohen, um ein neues Leben zu beginnen. Wo könnten sie jetzt sein? An einem Strand, wo sie die Sonnenstrahlen genießen und sich mit anderen vergessenen Möbeln unterhalten? In dieser Vorstellung steckt eine gewisse Ironie: Fast die Hälfte der angesehensten Theaterstücke handeln von Flucht und Freiheit – und nun sind die Sessel auf dem besten Weg, ihre eigene kleine Geschichte zu schreiben.
In einem Theater, wo jede Aufführung eine Geschichte erzählt, wird der Verlust von 600 Sessel einen neuen Akt erfordern. Es wäre amüsant, einen neuen Titel zu kreieren: „Die Sessel, die entkommen wollten“. Vielleicht wird es der nächste große Hit – die Rebellion der Polstersessel.
In jedem Fall bleibt die Frage im Raum: Was bedeutet es, wenn ein Theater seine Sessel vermisst? Ist es nur ein Verlust von Möbeln oder ein symbolischer Akt, der tiefer in die Disposition der kulturellen Institution eindringt? Die Antwort mag in den leeren Reihen verborgen liegen, die hoffentlich bald wieder gefüllt werden, sei es von Menschen oder von den vermissten Sessel selbst.